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Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther
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Erstellt am 02.07.2004
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Erstes Buch
Am 4. Mai 1771
Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu
verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, du
verzeihst mir's. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein
Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig. Konnt' ich
dafür, daß, während die eigensinnigen Reize ihrer Schwester mir eine angenehme Unterhaltung
verschafften, daß eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete? Und doch--bin ich ganz
unschuldig? Hab' ich nicht ihre Empfindungen genährt? Hab' ich mich nicht an den ganz wahren
Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so wenig lächerlich sie waren, selbst
ergetzt? Hab' ich nicht--o was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf! Ich will, lieber Freund, ich
verspreche dir's, ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal
vorlegt, wiederkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das
Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiß, du hast recht, Bester, der Schmerzen wären minder
unter den Menschen, wenn sie nicht--Gott weiß, warum sie so gemacht sind!--mit so viel Emsigkeit
der Einbildungskraft sich beschäftigten, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, eher
als eine gleichgültige Gegenwart zu ertragen.
Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, daß ich ihr Geschäft bestens betreiben und ihr ehstens
Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante gesprochen und bei weitem das böse Weib
nicht gefunden, das man bei uns aus ihr macht. Sie ist eine muntere, heftige Frau von dem
besten Herzen. Ich erklärte ihr meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen
Erbschaftsanteil; sie sagte mir ihre Gründe, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie
bereit wäre, alles herauszugeben, und mehr als wir verlangten--kurz, ich mag jetzt nichts davon
schreiben, sage meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe, mein Lieber, wieder bei
diesem kleinen Geschäft gefunden, daß Mißverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der
Welt machen als List und Bosheit. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiß seltener.
Übrigens befinde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in
dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahreszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft
schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man möchte zum
Maienkäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben und alle seine Nahrung
darin finden zu können.
Die Stadt selbst ist unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der
Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M., einen Garten auf einem der Hügel anzulegen,
die mit der schönsten Mannigfaltigkeit sich kreuzen und die lieblichsten Täler bilden. Der Garten ist
einfach, und man fühlt gleich bei dem Eintritte, daß nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein
fühlendes Herz den Plan gezeichnet, das seiner selbst hier genießen wollte. Schon manche Träne
hab' ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Kabinettchen geweint, das sein
Lieblingsplätzchen war und auch meines ist. Bald werde ich Herr vom Garten sein; der Gärtner ist
mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird sich nicht übel dabei befinden.
Am 10. Mai
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen
Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens
in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein
Bester, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter leidet.
Ich könnte jetzt nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in
diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche
der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das
innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der
Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen
Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher
an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde
schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein
Freund! Wenn's dann um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und der Himmel ganz
in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten--dann sehne ich mich oft und denke : ach
könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm
in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen
Gottes!--mein Freund--aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit
dieser Erscheinungen.
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Am 12. Mai
Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme,
himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht.
Das ist gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine mit
ihren Schwestern.--Du gehst einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da
wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die
kleine Mauer, die oben umher die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher
bedecken, die Kühle des Orts; das hat alles so was Anzügliches, was Schauerliches. Es vergeht
kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen die Mädchen aus der Stadt und holen
Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst
verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle
die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen
wohltätige Geister schweben. O der muß nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an
des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht mitempfinden kann.
Am 13. Mai
Du fragst, ob du mir meine Bücher schicken sollst?--lieber, ich bitte dich um Gottes willen, laß mir
sie vom Halse! Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch
genug aus sich selbst; ich brauche Wiegengesang, und den habe ich in seiner Fülle gefunden in
meinem Homer. Wie oft lull' ich mein empörtes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du
nichts gesehn als dieses Herz. Lieber! Brauch' ich dir das zu sagen, der du so oft die Last
getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung und von süßer Melancholie zur verderblichen
Leidenschaft übergehen zu sehn? Auch halte ich mein Herzchen wie ein krankes Kind; jeder Wille
wird ihm gestattet. Sage das nicht weiter; es gibt Leute, die mir es verübeln würden.
Am 15. Mai
Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder. Eine
traurige Bemerkung hab' ich gemacht. Wie ich im Anfange mich zu ihnen gesellte, sie
freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten, und fertigten
mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt
habe, auf das lebhafteste : Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom
gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt's Flüchtlinge
und üble Spaßvögel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren Übermut dem armen Volke desto
empfindlicher zu machen.
Ich weiß wohl, daß wir nicht gleich sind, noch sein können; aber ich halte dafür, daß der, der nötig zu
haben glaubt, vom so genannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, ebenso
tadelhaft ist als ein Feiger, der sich vor seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.
Letzthin kam ich zum Brunnen und fand ein junges Dienstmädchen, das ihr Gefäß auf die unterste
Treppe gesetzt hatte und sich umsah, ob keine Kamerädin kommen wollte, ihr es auf den Kopf zu
helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an.--"Soll ich Ihr helfen, Jungfer?" sagte ich.--sie ward rot
über und über.--"O nein, Herr!" sagte sie.--"Ohne Umstände".--sie legte ihren Kragen zurecht, und ich
half ihr. Sie dankte und stieg hinauf.
Den 17. Mai
Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden. Ich weiß
nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muß; es mögen mich ihrer so viele und hängen sich
an mich, und da tut mir's weh, wenn unser Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn
du fragst, wie die Leute hier sind, muß ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um das
Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das
bißchen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu
werden. O Bestimmung des Menschen!
Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal mit ihnen die
Freuden genieße, die den Menschen noch gewährt sind, an einem artig besetzten Tisch mit aller
Offen--und Treuherzigkeit sich herumzuspaßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit
anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz gute Wirkung auf mich; nur muß mir nicht einfallen,
daß noch so viele andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern und die ich sorgfältig
verbergen muß. Ach das engt das ganze Herz so ein.--Und doch! Mißverstanden zu werden, ist das
Schicksal von unsereinem.
Ach, daß die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach, daß ich sie je gekannt habe!--ich würde sagen:
du bist ein Tor! Du suchst, was hienieden nicht zu finden ist! Aber ich habe sie gehabt, ich habe
das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein, als ich war, weil
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ich alles war, was ich sein konnte. Guter Gott! Blieb da eine einzige Kraft meiner Seele
ungenutzt? Konnt' ich nicht vor ihr das ganze wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem mein Herz
die Natur umfaßt? War unser Umgang nicht ein ewiges Weben von der feinsten Empfindung, dem
schärfsten Witze, dessen Modifikationen, bis zur Unart, alle mit dem Stempel des Genies
bezeichnet waren? Und nun!--ach ihre Jahre, die sie voraus hatte, führten sie früher ans Grab als
mich. Nie werde ich sie vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre göttliche Duldung.
Vor wenig Tagen traf ich einen jungen V. an, einen offnen Jungen, mit einer gar glücklichen
Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademien dünkt sich eben nicht weise, aber glaubt doch, er
wisse mehr als andere. Auch war er fleißig, wie ich an allerlei spüre, kurz, er hat hübsche Kenntnisse.
Da er hörte, daß ich viel zeichnete und Griechisch könnte (zwei Meteore hierzulande), wandte er sich
an mich und kramte viel Wissens aus, von Batteux bis zu Wood, von de Piles zu Winckelmann,
und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie, den ersten Teil, ganz durchgelesen und besitze ein
Manuskript von Heynen über das Studium der Antike. Ich ließ das gut sein.
Noch gar einen braven Mann habe ich kennen lernen, den fürstlichen Amtmann, einen offenen,
treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein, ihn unter seinen Kindern zu
sehen, deren er neun hat; besonders macht man viel Wesens von seiner ältesten Tochter. Er hat
mich zu sich gebeten, und ich will ihn ehster Tage besuchen. Er wohnt auf einem fürstlichen
Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier, wohin er nach dem Tode seiner Frau zu ziehen die
Erlaubnis erhielt, da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und im Amthause zu weh tat.
Sonst sind mir einige verzerrte Originale in den Weg gelaufen, an denen alles unausstehlich ist,
am unerträglichsten Freundschaftsbezeigungen.
Leb' wohl! Der Brief wird dir recht sein, er ist ganz historisch.
Am 22. Mai
Daß das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und
auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung ansehe, in welcher die
tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind; wenn ich sehe, wie alle Wirksamkeit
dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck
haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, daß alle Beruhigung über gewisse Punkte
des Nachforschens nur eine träumende Regignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen
man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt--das alles, Wilhelm,
macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahnung
und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen
Sinnen, und ich lächle dann so träumend weiter in die Welt.
Daß die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelahrten Schul--und
Hofmeister einig; daß aber auch Erwachsene gleich Kindern auf diesem Erdboden herumtaumeln
und wie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, ebensowenig nach wahren
Zwecken handeln, ebenso durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser regiert werden: das will
niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann es mit Händen greifen.
Ich gestehe dir gern, denn ich weiß, was du mir hierauf sagen möchtest, daß diejenigen die
Glücklichsten sind, die gleich den Kindern in den Tag hinein leben, ihre Puppen herumschleppen,
aus--und anziehen und mit großem Respekt um die Schublade umherschleichen, wo Mama das
Zuckerbrot hineingeschlossen hat, und, wenn sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen
Backen verzehren und rufen:"mehr!"--das sind glückliche Geschöpfe. Auch denen ist's wohl, die
ihren Lumpenbeschäftigungen oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel geben und sie dem
Menschengeschlechte als Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben.--Wohl
dem, der so sein kann! Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft, wer da sieht,
wie artig jeder Bürger, dem es wohl ist, sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiß, und wie
unverdrossen auch der Unglückliche unter der Bürde seinen Weg fortkeucht, und alle gleich
interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zu sehn--ja, der ist still und bildet
auch seine Welt aus sich selbst und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und dann, so
eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und daß er diesen
Kerker verlassen kann, wann er will.
Am 26. Mai
Du kennst von alters her meine Art, mich anzubauen, mir irgend an einem vertraulichen Orte ein
Hüttchen aufzuschlagen und da mit aller Einschränkung zu herbergen. Auch hier habe ich wieder
ein Plätzchen angetroffen, das mich angezogen hat.
Ungefähr eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Wahlheim nennen. Die Lage an einem
Hügel ist sehr interessant, und wenn man oben auf dem Fußpfade zum Dorf herausgeht, übersieht
man auf einmal das ganze Tal. Eine gute Wirtin, die gefällig und munter in ihrem Alter ist, schenkt
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