L21.pdf
(
61 KB
)
Pobierz
Manuskript_21.pdf
Marktplatz - Deutsche Sprache in der Wirtschaft
Sendemanuskript
Folge
21:
Strukturwandel in der Industrie
Thema:
Strukturwandel im Ruhrgebiet
Autorin:
Annette Beutler
Redaktion:
Thomas Kirschning
Die Personen:
Manne, Stahlarbeiter
Alfred, Stahlarbeiter
Sprecherin
Im O-Ton:
Kathja Brickau, Expertin für Regionalentwicklung
Prof. Gerhard Bosch, Arbeitsmarktexperte am Institut für Arbeit und Technik
in Gelsenkirchen
2
Sprecherin:
Tief im Westen Deutschlands, da liegt das Ruhrgebiet, der wichtigste industrielle Ballungsraum in
Europa. Hier liegen die Städte Dortmund, Gelsenkirchen, Essen, Bottrop, Oberhausen und
Duisburg. Der Fluss Ruhr fließt quer durch das Gebiet zum Rhein hin und gibt der Region den
Namen. Jahrzehntelang drehte sich alles im Ruhrgebiet um Kohle und Stahl.
Manne:
Na, Alfred, endlich, wo bleibst du denn?! Hast wohl Deine alten Kegelbrüder vergessen, was?
Dafür hast du 'nen genialen Wurf von mir verpasst: Zzzzong, alle Neune weggefegt.
Alfred:
Hm, n'Abend, Manne.
Manne:
Was is' los? Warum bist'e so mürrisch, kommst wohl grade von der Schicht am Ofen, wa'?
Alfred:
Ich sag dir, das sieht nicht gut aus, Manne, das sieht nicht gut aus. Von wegen Spätschicht,
komm' gerade von der Betriebsversammlung. Mann, ich brauch erst mal'n Bier. Anita, ein Pils,
ein großes.
Manne:
Also, wat is Sache?
Alfred:
Sag ich doch, es war Betriebsversammlung bei uns im Stahlwerk. Sie hatten die ganze
Geschäftsführung aufgefahren. Sieht wohl nicht so gut aus auf dem Stahlmarkt. Die faseln da
von Absatzproblemen und Weltmarktpreisen und unser Stahl ist zu teuer, ganz einfach.
Manne:
Ja und, wat heißt das nun?
Alfred:
Das heißt auf gut deutsch, dass das Geschäft mies läuft, keine Aufträge mehr. Und dass wir
deshalb kein Weihnachtsgeld kriegen, dies Jahr, das heißt das.
Manne:
Was denn, kein Weihnachtsgeld? Dat ist ja n'Hammer.
Alfred:
Du sagst es. Seit fast zwanzig Jahren arbeit' ich jetzt schon am Ofen, und mein Vadder davor
schon 30 Jahre. Aber Weihnachtsgeld hat's noch immer gegeben. Ich sag dir, Manne, das sieht
nicht gut aus. Wie ist das denn bei Euch im Werk?
Manne:
Du machst mir ja richtig Angst. Bei uns ist alles ruhig, jedenfalls haben die noch nichts verlauten
lassen.
Alfred:
Warts nur ab, Manne. Wenn das mit der Stahlflaute stimmt, dann merkt ihr das auch in Eurem
Werk. Wenn das mal nicht so wird wie bei der Kohle. Weißt ja noch, ruckzuck, haben die eine
Zeche nach der anderen hier dichtgemacht. Alle arbeitslos.
Manne:
3
Jetzt mal' mal nicht gleich den Teufel an die Wand. Komm, trink erst mal einen und mach 'nen
Wurf, dann geht’s dir besser.
Sprecherin:
Kohle und Stahl haben die Region einst reich gemacht und hunderttausenden von Menschen im
Ruhrgebiet Arbeit und Wohlstand gegeben. Aber die Abhängigkeit von Kohle und Stahl hat der
Region auch viele Probleme gebracht.
Sprecher:
Das Ruhrgebiet liegt auf einem der wichtigsten Steinkohlevorkommen der Welt. Mit der
Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchs die Nachfrage nach Steinkohle. Bergwerke und
Hochöfen entstanden und erschmolzen Eisen für Schienen, Brücken, Werkzeuge und
Dampfmaschinen. Die Nachfrage stieg und stieg und die Steinkohleförderung kam kaum nach.
Die Region erblühte. Die Eisen- und Stahlindustrie siedelte sich an, dann die Kohlechemie,
Kraftwerke, die metallverarbeitende Industrie und kleine Zulieferer für den Bergbau und den
Stahlbereich. In dieser Zeit entstanden die großen Unternehmen, die noch heute weltweit
bekannt sind: Krupp zum Beispiel, Hoesch oder Thyssen.
Vor dem ersten Weltkrieg arbeiteten schon die Hälfte aller Beschäftigten im Ruhrgebiet in den
Bereichen Kohle, Stahl, Eisen. Die Steinkohleförderung und die Erzeugung von Eisen verdoppelte
sich etwa alle zehn Jahre. Aber: Andere Industriebranchen wie die Elektroindustrie, der
Maschinenbau und die Chemie wuchsen im Ruhrgebiet nur schwach. Ab den 30er Jahren begann
die Eisen- und Stahlindustrie die Kohle an wirtschaftlicher Bedeutung zu übertreffen. Und auch
nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Wiederaufbauzeiten, ging es mit Kohle, Stahl und Eisen
wieder bergauf - und die Unternehmen konzentrierten sich weiter auf Stahl und Kohle. 1950
arbeiteten schon zwei Drittel aller Industriebeschäftigten im Montanbereich. 1957 war das
Ruhrgebiet auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung - mit einem Maximum an Wirtschaftskraft
und Beschäftigten und einem Minimum an Arbeitslosen.
Sprecherin:
Aber dann kam die Krise...
Manne:
He, Alfred, du bis' ja schon wieder zu spät! Komm rüber, ich hab dir noch 'nen Platz freigehalten.
Alfred:
Tach, Manne.
Manne:
Tach Alfred... - Mensch, du guckst ja schon wieder so belämmert...
Alfred:
Ach, mir ist heute nicht nach Kegeln zumute. Ich frag mich sowieso, ob ich mir das künftig noch
leisten kann. Mensch, Manne, haste noch nicht gehört? In meinem Werk müssen sechstausend
Leute gehen. Sechstausend - und einer davon bin ich. Futsch. Aus. Vorbei. Ich werd nicht mehr
gebraucht.
Manne:
Kerl, äh, da is' ja wirklich Hängen im Schacht! Mensch Alfred... Hat's dich erwischt ...
Alfred:
Kannste einen drauf lassen...
Manne:
Gemunkelt wurde ja schon manches. Auch bei uns. Dat wird dich kaum trösten aber in unserem
Werk haben die jetzt Einstellungsstopp verhängt und versuchen an allen Ecken, Leute
loszuwerden.
4
Alfred:
Tja,
deutscher Stahl wird eben nicht mehr gebraucht und ich werd jetzt auch nicht mehr
gebraucht. - Verdammt, ich muß doch noch unser Reihenhaus abbezahlen. Arbeitslos... Du
solltest mal bei mir zuhause vorbeikommen, da ist vielleicht 'ne Stimmung, sag ich dir.
Manne:
Ja, und was machst du jetzt?
Alfred:
Drei Monate arbeite ich noch im Stahlwerk, dann ist das vorbei. Der Betrieb sagt, er zahlt
Abfindungen für uns. Ich weiß noch nicht, wie viel. Das hilft mir aus dem Gröbsten heraus. Aber
was mach' ich dann? Ich hab doch nichts anderes gelernt als Stahlarbeiter.
Manne:
Ja, das ist bitter. Bei uns im Werk fragen sie auch schon jeden über 55, ob er nicht in Frührente
gehen will.
Alfred:
Das fragen sie bei uns auch. Aber ich bin doch erst 44! Ich bin doch noch kein Rentner, Mensch!
Manne:
Naja, bei dir ist das was anderes. Aber ich, ich hab mir schon fast 40 Jahre lang den Buckel
krummgeschuftet, ich hätte eigentlich gar nix dagegen, jetzt mit meinen 56 mal endlich die Füße
hochzulegen.
Alfred:
Mensch, Manne, was soll bloß werden, ich brauch doch Arbeit.
Sprecher:
Die erste große Krise des Steinkohlebergbaus begann 1958. Weil Erdöl als Energielieferant
wesentlich billiger wurde, war Steinkohle immer weniger gefragt. Die Kohlehalden wuchsen an.
Die Folgen: Zwischen 1960 und 1990 halbierte sich die geförderte Steinkohlemenge. Allein
zwischen 1960 und 1970 gingen fast 200.000 Arbeitsplätze im Bergbau verloren. Dann war der
Stahl dran. 1974/75 kam es zur Krise in der Stahlindustrie - durch die verschärfte
Konkurrenzsituation auf den Weltmärkten. Stahl wurde immer häufiger durch Kunststoffe
ersetzt. Die Folgen: Zwischen 1975 und 1990 verlor das Ruhrgebiet fast die Hälfte der
Arbeitsplätze in der Eisen- und Stahlindustrie.
Sprecherin:
Das Ruhrgebiet, die einstige Wirtschaftswunderregion, wurde zum Armenhaus der
Bundesrepublik mit hoher Arbeitslosigkeit. Aus einer Strukturkrise im Kohle- und Stahlbereich ist
eine Regionalkrise geworden. Wie konnte das geschehen? Kathja Brickau, Expertin für
Regionalentwicklung beim Kommunalverband Ruhrgebiet:
Kathja Brickau:
Also begonnen hat eigentlich das Problem der Region damit, dass das Ruhrgebiet in den 50er,
60er Jahren geprägt war durch die Montanstruktur. In den Anfängen der 60er Jahre begann die
Bergbaukrise, da brachen die Arbeitsplätze im Bergbau weg und Probleme hat das im Ruhrgebiet
dahingehend noch nicht so viel verursacht, da die freigewordenen Bergarbeiter zum Teil neue
Arbeit im Stahlsektor fanden. Begonnen hat die Krise deshalb dann erst in den 70er Jahren, als
dann das letzte Standbein des Ruhrgebiets wegbrach, der Stahlsektor.
Sprecherin:
Die Ursache für die Regionalkrise hat also einen Namen: Monostruktur.
5
Kathja Brickau:
Monostruktur hieß eben, dass das Ruhrgebiet in erster Linie oder die Arbeitsplätze im Bergbau
und im Stahlsektor beziehungsweise in vor- und nachgelagerten Produktionszweigen waren.
Und das Ruhrgebiet auch ganz extrem durch einige wenige Großunternehmen geprägt war.
Sprecherin:
'Vor- und nachgelagerte Industriezweige': Das sind die kleinen und mittleren Unternehmen, die
den Großkonzernen zuliefern und sich in ihrer Produktion ganz auf die Bedürfnisse der Großen
eingestellt haben.
Kathja Brickau:
Durch eben das Wegbrechen des Bergbaus erst, dann des Stahlbereichs entstand massive
Arbeitslosigkeit, da eben auch die gesamte vor- und nachgelagerte Industrie Probleme bekam
und im Prinzip nichts anderes vorhanden war.
Sprecherin:
Nichts anderes vorhanden - die Wirtschaft des Ruhrgebiets hatte viel zu lange einseitig auf die
traditionellen Bereiche Kohle und Stahl gesetzt. Zu lange wurde versäumt, sich andere
Standbeine zu schaffen, in andere Industriebereiche zu investieren, die den Einbruch bei Kohle
und Stahl hätten auffangen können. Hunderttausende von Beschäftigten verloren seit dem
Beginn der Krise ihre Arbeit. Was ist mit ihnen geschehen? Prof. Gerhard Bosch,
Arbeitsmarktexperte am Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen:
Gerhard Bosch:
Der Bergbau hat sehr viele Ältere vorzeitig in den Ruhestand geschickt, die Leute bekamen eine
Aufstockung zum Arbeitslosengeld, waren gut abgesichert und sind früher in Rente gegangen.
Und andere Bergleute haben Abfindungen erhalten und sind freiwillig gegangen mit diesen
Abfindungen und dann in andere Branchen gegangen. Der ein oder andere ist da natürlich
gescheitert und dann erst arbeitslos geworden, es hat aber keine direkten Entlassungen
gegeben.
Sprecherin:
Abfindungen, also einmalige höhere Geldzahlungen des Unternehmens, Umzugshilfen,
Aufstockungen zum Arbeitslosengeld, Frühverrentung - all das sind Mittel, die die Großkonzerne
in Absprache mit den Arbeitnehmern einsetzten, um den massiven Beschäftigtenabbau so
erträglich wie möglich zu gestalten. Das nennt man Sozialpläne. Die wurden auch im
Stahlbereich vereinbart:
Gerhard Bosch:
Zwischen 1974 und 1994 sind im Ruhrgebiet ungefähr 120.000 Arbeitsplätze allein im
Stahlbereich verlorengegangen, das ist eigentlich kontinuierlich verlaufen und jedes Jahr, kann
man sagen, 10.000 Arbeitsplätze weniger. Es hat auch hier keine Entlassungen gegeben, in den
Großkonzernen, sondern es hat Sozialpläne gegeben.
Sprecherin:
Dennoch waren hunderttausende von ehemaligen Stahlarbeitern und Bergleuten ohne Arbeit.
Das sind Berufe, die fast überhaupt nicht in anderen Branchen einsetzbar sind. Wie ging es mit
diesen Leuten weiter?
Gerhard Bosch:
Die Umschulung spielte eine große Rolle, und zwar ab Ende der 60er Jahre. Bis dahin hat man an
Umschulung eigentlich nicht gedacht, es gab in Deutschland Vollbeschäftigung, wer einen
Arbeitsplatz suchte, fand einen Arbeitsplatz. Aber dann zeigte sich, es wurde schwieriger auf
Plik z chomika:
dariaburaczek
Inne pliki z tego folderu:
L04_1.pdf
(496 KB)
L09_1.pdf
(363 KB)
L06_1.pdf
(549 KB)
L03_1.pdf
(307 KB)
L08_1.pdf
(236 KB)
Inne foldery tego chomika:
FISZKI
infos 1a cd 1
INFOS 1A CD2
konwersacje
niezbędne zwroty i wyrarzenia cd 2
Zgłoś jeśli
naruszono regulamin