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Marktplatz - Deutsche Sprache in der Wirtschaft
Sendemanuskript
Folge 13: Auslandsniederlassungen
Autor: Christoph Ruhkamp
Redaktion: Thomas Kirschning
Die Personen:
Erna Braun, Sekretärin
Petr Hunacek, tschechischer Unternehmer
Herr Müller, Vertriebsleiter
Sprecherin
Sprecher
Im O-Ton:
Dieter Mankowski, dt.-tschechische Handelskammer, Prag
Tilo Brandis, HBS-Consulting
Jörg Beyfuß, Institut der Deutschen Wirtschaft
Michael Rogusch, Storchwerke
Hunacek:
Guten Tag, Frollein.
Sekretärin:
Guten Tag. Was kann ich für Sie tun?
Hunacek:
Ich würde gerne mit dem Herrn Vertriebsleiter Müller sprechen, bitteschön.
Sekretärin:
Wie ist Ihr Name bitte?
Hunacek:
Petr Hunacek, bitte.
Sekretärin:
Haben Sie einen Termin?
Hunacek:
Nein. Aber es ist sehr wichtig für mich, dass ich ihn jetzt sprechen kann. Ich möchte Herrn
Müller eine Geschäftsidee machen. Wir kennen uns auch flüchtig.
Sekretärin:
Ja, wissen Sie, das ist im Moment sehr schwierig, Herr Müller hat nur sehr wenig Zeit. Von
welchem Unternehmen kommen sie denn bitte?
Hunacek:
Ja, äh. Das ist es. Zur Zeit bin ich arbeitslos. Aber noch vor drei Jahren habe ich für
tschechoslowakischen Staat gearbeitet. Ich habe den Export von Pinsel- und Bürsten-
Kombinat geleitet. Und deswegen bin ich heute hier. Soviel ich weiß, produzieren sie
Malerwerkzeuge hier. Und da wollte ich Herrn Müller einen Vorschlag...
Sekretärin:
Ich verstehe. Da müsste ich Sie aber bitten, vielleicht morgen noch einmal zu kommen. Herr
Müller ist nämlich gerade in einer sehr wichtigen Besprechung. Und anschließend hat er...
Müller:
Fräulein Braun, könnten sie mir eine Tasse Kaffee... Kennen wir uns nicht irgendwoher?
Guten Tag. Moment mal... Sie sind doch Herr Hunacek vom tschechischen Pinsel- und
Bürstenkombinat. Wir haben uns doch vor zwei Jahren auf der Messe in Köln kennen
gelernt.
Hunacek:
Ganz genau. Schön, dass Sie sich an mich erinnern.
Müller:
Aber natürlich. Sie haben mir damals doch nach der Messe diesen kleinen Farbroller
geliefert. Kommen sie doch herein, Herr Hunacek. Fräulein Braun, machen sie uns doch bitte
einen Kaffee. Ach ja, und ich möchte nicht gestört werden. Wenn jemand kommt, sagen Sie,
ich sei in einer wichtigen Besprechung.
Sekretärin:
Ja selbstverständlich, natürlich.
Müller:
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Aber bitte setzen sie sich doch, Herr Hunacek. Was macht das Geschäft zur Zeit?
Hunacek:
Ja, das ist es ja gerade, warum ich zu ihnen komme. Ich habe gekündigt beim Pinsel- und
Bürstenkombinat. Da geht es nicht mehr weiter. Das Management ist ziellos, und rechnen
können die auch nicht. Kosten spielen für die überhaupt keine Rolle mehr. Das Werk ist
hoch überschuldet. Es ist nur eine Frage von Zeit, dann geht der Laden den Bach runter. Da
habe ich schon einmal gekündigt, bevor es so weit ist.
Müller:
Oh, sehr schade. Ich würde ihnen natürlich gern helfen. Aber ich glaube, ich kann ihnen
keine ihrer Qualifikation entsprechende Stelle bieten.
Hunacek:
Nein, nein, Herr Müller. Darum geht es mir gar nicht. Aber ich hätte da eine Idee, wie wir
beide mit sehr geringem Kapitalaufwand zusammen etwas in Tschechien machen könnten.
Ich würde das auch allein machen. Mir fehlt bloß das Geld für den Anfang.
Müller:
Schießen Sie los, Herr Hunacek.
Hunacek:
Nun ja, sie erinnern sich, wie wir damals ins Geschäft gekommen sind. Wir haben die kleinen,
mit Filz beklebten Malerrollen für sie produziert. Sie sagten, solche Rollen könnten sie in
Deutschland nicht produzieren. Das sei hier viel zu teuer wegen der vielen Handarbeit da
drin. Und in Deutschland seien die Löhne dafür zu hoch. Deswegen haben sie die kleinen
Rollen bei mir eingekauft.
Müller:
Ja sicher. Sie wissen ja, wie hoch die Lohnkosten in Deutschland sind. Allein der Bruttolohn
ist mindestens sechsmal so hoch wie in Tschechien. Dazu kommen die Lohnnebenkosten:
Arbeitslosenversicherung, Krankenversicherung, Rentenversicherung und jetzt auch noch die
Pflegeversicherung. Und: Noch mehr rationalisieren ist auch nicht mehr drin. Da lässt sich
nichts mehr rausquetschen. Arbeitsintensive Produkte können wir eben nicht mehr
herstellen. Deswegen würde ich ihnen ja auch jederzeit solche kleinen Rollen abkaufen. Aber
ich verstehe nicht ganz. Sie haben doch gekündigt beim Kombinat, oder?
Hunacek:
Ja eben. Und jetzt möchte ich mich selbständig machen. Mit dem nötigen Startkapital von,
sagen wir zwei Millionen Mark, wäre das einfach.
Müller:
Ja, ich weiß nicht, zwei Millionen Mark ist eine Menge Geld. Aber Ihre Idee klingt
interessant. Darüber müsste ich natürlich erst mit dem Geschäftsführer sprechen. Aber ich
glaube, die Chancen stehen nicht ganz schlecht. Wir hatten nämlich ohnehin vor, uns nach
einem Standbein im Osten umzusehen. Herr Hunacek, verbleiben wir ‘mal so: Ich rede mit
meinem Chef und wenn ich Neuigkeiten habe, rufe ich Sie an.
Sprecherin:
Seit dem Ende des Kalten Krieges investieren immer mehr
ausländische Unternehmen in Mittel- und Osteuropa, vor allem in Ungarn, Tschechien und
Polen. Zwischen 1989 und 1995 flossen rund 12,8 Milliarden Mark an Direktinvestitionen
nach Osteuropa. 1995 allein waren es 4,3 Milliarden, das war fast ein Zehntel aller
deutschen Auslandsinvestitionen in diesem Jahr.
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Sprecher:
Die Unternehmen engagieren sich auf unterschiedliche Art und Weise in Osteuropa: Einige
kaufen Staatsbetriebe, die privatisiert werden, andere gründen eigene
Tochterunternehmen. Die meisten Investitionen fließen jedoch in Beteiligungen - vor allem
in Unternehmen, die die Deutschen gemeinsam mit einem osteuropäischen Partner neu
gründen. Solche Gemeinschaftsunternehmen nennt man "Joint Ventures".
Sprecherin:
Die meisten Unternehmen investieren im Ausland, um sich bestehende Märkte zu sichern
oder neue Märkte zu erschließen. Sie wollen ihre Produkte verkaufen, zum Beispiel, indem
sie ein Handelsunternehmen gründen. Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund für die
Auslandsinvestitionen in Osteuropa, der immer wichtiger wird: Das sind die
Produktionskosten. Viele mittelständische Unternehmer gründen eine Produktionsstätte in
Ungarn oder Tschechien, weil dort die Kosten niedriger sind als in Deutschland, besonders
die Kosten für Arbeit. In Ungarn, dem Land mit den höchsten Löhnen in der Region,
bekommt ein Arbeiter 4,60 Mark pro Stunde. In Deutschland sind es 45,50 Mark, also fast
zehnmal soviel.
Müller:
So, Herr Hunacek, wo ist denn unser Abteil, wir haben die Nummer 87...
Hunacek:
Das ist Ihre Sitznummer, Herr Müller. Ja hier sind wir ja schon. So, jetzt geben Sie mir 'mal
Ihren Koffer. So, das wär' jetzt geschafft...
Müller:
Vielen Dank. Sagen Sie, Herr Hunacek, wohin genau fahren wir eigentlich? Wo liegen Ihre
Produktionsstätten?
Hunacek:
Na ja, wir fahren nach Pelhrimov. Das ist ungefähr hundert Kilometer im Süden von Prag. Da
produziere ich jetzt schon in kleinem Umfang Malerrollen. Ich habe da paar Räume gemietet
und beschäftige zusätzlich 25 Leute in Heimarbeit. Ich zeige ihnen alles ganz genau, damit
sie ihrem Chef berichten können.
Müller:
Ja, wenn wir zusammen in größerem Umfang produzieren wollen, wird das so natürlich nicht
mehr weitergehen, mit ein paar Zimmern und Heimarbeitern.
Hunacek:
Ja das stimmt. Da brauchen wir eine richtige Produktionshalle. Die kann ich eben allein nicht
finanzieren. Ich hoffe da auf ihre Hilfe.
Müller:
Tja, wenn das mal so einfach wäre. Denn mit einer neuen Produktionshalle ist es ja nicht
getan. Da müssten auch neue Maschinen her.
Hunacek:
Ja, wir müssten dann auch Leute an den neuen Maschinen ausbilden. Vielleicht ist es am
besten, wenn wir Maschinenführer bei Ihnen in Deutschland schulen. Aber entschuldigen Sie,
ich will sie nicht drängen. Schauen Sie sich erst einmal alles an in Pelhrimov. Dann können Sie
in aller Ruhe entscheiden.
Sprecherin:
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In der Tat: Große Investitionen sollten gut überlegt sein. Nicht für alle deutschen
Unternehmen lohnt es sich, eine Produktionsstätte in Osteuropa zu gründen. Den
Lohnkostenvorteil in den Reformstaaten können vor allem Betriebe nutzen, die
arbeitsintensive Güter produzieren. Arbeitsintensiv bedeutet, dass für die Herstellung
besonders viel menschliche Arbeitskraft benötigt wird. Das ist nur in einigen Sparten der Fall,
zum Beispiel in der Textil- und in der Möbelindustrie. Diese Branchen lagern immer häufiger
ihre Vorleistungsproduktion aus. Das heißt, einfache Vorprodukte werden in Polen oder
Tschechien oft in Handarbeit gefertigt und dann in Deutschland mit komplizierten
Maschinen weiterverarbeitet.
Sprecher:
Eine andere Möglichkeit, die niedrigen Arbeitskosten zu nutzen, ist die sogenannte
Lohnveredelung. Von Lohnveredelung spricht man, wenn ein Unternehmen beispielsweise
hochwertige Stoffe und Knöpfe nach Polen liefert, die dort im Lohnauftrag zu Anzügen
zusammengenäht und dann wieder zurückgeschickt werden. Vor allem in den ersten Jahren
nach dem Fall des Eisernen Vorhangs dominierte diese Form der Kooperation mit Osteuropa.
Tschechien galt als „verlängerte Werkbank“ deutscher Betriebe. Inzwischen hat sich die
Situation verändert. Das bestätigt Dieter Mankowski. Er leitet die Deutsch-Tschechische
Handelskammer in Prag:
Dieter Mankowski:
Die Motivation ist heute eigentlich nicht mehr so sehr die Fertigung von Teilen zu günstigen
Kosten für den Re-Export nach Deutschland oder in die EU, um dann Endprodukte zu
montieren. Sondern der wesentliche Punkt geht immer mehr dazu über, dass die
Unternehmen sagen, wir wollen in Tschechien fertigen für den dortigen Markt. Nun muss
man natürlich wissen, dass der hiesige Markt, also hier in Tschechien, verhältnismäßig klein
ist, nämlich bei zehn Millionen Leuten haben sie nur einen begrenzten Absatzmarkt. Aber
für einzelne Bereiche lohnt es sich eben trotzdem. Insbesondere, wenn man berücksichtigt,
dass diese Wirtschaft in der Transformationsphase ist und einfach viele industrielle Zweige
hinzukommen, die es früher nicht so gab. Ich sag mal nur als einprägsame Beispiele: Design
oder meinetwegen auch Verpackung.
Sprecherin:
Deutsche Unternehmer, die in Osteuropa für Osteuropa produzieren. Das gibt es bisher vor
allem in den weitgehend marktwirtschaftlich reformierten Visegrad-Staaten, in Ungarn,
Tschechien und Polen. Länder mit Reformdefiziten, wie zum Beispiel Russland, werden von
den Unternehmen eher als Absatzmärkte genutzt. Sie produzieren hier nur in sehr geringem
Umfang. Ein Grund dafür ist die niedrige Arbeitsproduktivität: Ein russischer Arbeitnehmer
produziert in einer Stunde wesentlich weniger als zum Beispiel sein ungarischer Kollege. Ein
weiterer Nachteil in diesen Ländern ist die Rechtsunsicherheit. Ein Beispiel: Die Regierung in
Russland erlässt immer neue Gesetze und Verordnungen, in denen festgelegt wird, wie viel
und welche Steuern ausländische Unternehmer zahlen müssen.
Sprecher:
Die Schwierigkeiten in den osteuropäischen Ländern sind aber nicht so groß, dass die
Deutschen ihre Investitionen im großen Stil wieder rückgängig machen. Bei einer Umfrage
des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft haben neun von zehn Unternehmen erklärt,
dass sie ihr Engagement in Osteuropa sogar noch vergrößern wollen. Damit die Investitionen
erfolgreich sind, muss vor allem die Gesamtstrategie der Unternehmer stimmen. Sie muss von
Anfang an klar sein.
Sprecherin:
Deutsche Unternehmen investieren in Osteuropa dreimal soviel wie in Asien. Aber noch
konzentriert sich das Geschäft auf die Länder, die geographisch am nächsten liegen und am
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