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Trauma
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Robin Cook
Trauma
Medizin-Thriller
Aus dem Englischen von Ekkehart Reinke
1.Auflage Februar 1993
2. Auflage Mai 1993
Titel der amerikanischen Originalausgabe: Vital Signs
Copyright © 1991 by Robin Cook
ISBN 3-404-11915-0
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Prolog
16. Februar 1988
Überfallartig griffen die giftigen Bakterien an, als kämen sie direkt
aus der Kloake geschossen. In Sekundenschnelle nisteten sich mehre-
re Millionen schlanker, stäbchenförmiger Mikroorganismen in den
Hohlräumen der Eileiter ein. Die meisten drängten sich zu dichten
kleinen Klumpen zusammen. Sie richteten sich in den samtigen Win-
dungen der Schleimhaut ein, schmiegten sich in die warmen, frucht-
baren Täler, nahmen die reichlich vorhandenen Nährstoffe in sich
auf und schieden ihre eigenen fauligen Exkremente aus.
Die zarten Zellen, die das Innere der Eileiter säumten, waren ange-
sichts der plötzlich eingedrungenen Horde machtlos. Die faulen Aus-
scheidungen der Bakterien - ätzende Proteine und schmierige Fette -
brannten wie Säure und zerstörten im Nu die feinen Flimmerhär-
chen, deren normale Aufgabe es war, ein Ei in die Gebärmutter zu
befördern.
Daraufhin riefen die feinen röhrenförmigen Zellen den Körper um
Hilfe, indem sie ihre Abwehr- und Signalgebenden chemischen Stoffe
entsandten. Leider erzielten die Abwehrsekrete bei den Bakterien
keinerlei Wirkung, denn deren Membrane besaßen einen bräunli-
chen, fettartigen Schutzüberzug von Lipoiden.
Frisch aus ihren mikrobiologischen Labors kommende Medizinstu-
denten hätten die Bakterien erkannt - oder es sich jedenfalls einge-
bildet. Die fettigen Zellwände dieser Bakterien waren säurefest,
konnten gewisse Pigmente aufsaugen und waren widerstandsfähig
gegen Alkoholsäure. In selbstgefälliger Befriedigung hätten alle Stu-
denten im Chor ausgerufen: »Tuberkulose!«
Ob nun tuberkulös oder nicht, für die Röhrenzellen bedeuteten jede
Art von eingedrungenen Bakterien Gefahr. Die von den Zellen aus-
gesandten Botenchemikalien lösten einen komplizierten Abwehrme-
chanismus gegen die fremden Eindringlinge aus, der sich in einer
Milliarde Jahren seit Beginn des Lebens auf der Erde fortlaufend
entwickelt hatte.
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Die ausgesandten chemischen Stoffe bewirkten eine Veränderung in
den betroffenen Blutgefäßen. Der Blutkreislauf verstärkte sich hier,
eröffnete winzige Verzweigungen und entließ Plasma in das Gewebe.
Mit dem Blutstrom wanderten spezielle Erste-Hilfe-Abwehrzellen,
Granulocyten genannt, in die Bakterienhorde. Diese Zellen produ-
zierten weitere chemische Stoffe, darunter starke Enzyme. Außerdem
griffen sie die Bakterien direkt an. Für sie selber ein Kamikaze-
Unternehmen - nachdem sie ihre Granulen ausgestoßen hatten, star-
ben sie ab.
Bald reagierten größere Zellen, die sogenannten Makrophagen, auf
den chemischen Hilferuf. Sie kamen aus den Lymphknoten und dem
Knochenmark und stießen ebenfalls durch die feinen Blutgefäße auf
das Schlachtfeld vor. Und sie hatten mehr Erfolg als die Granuloc-
ten. Sie machten einen Teil der Bakterien unschädlich und entließen
weitere chemische Stoffe in den entstandenen Eiter, der nun eine
grünliche Färbung annahm.
Innerhalb von sieben Stunden begann der Aufmarsch von Lymph-
körperchen. Damit setzte eine höhere Stufe der Immunverteidigung
ein. Da man bisher noch nie von dieser besonderen Bakterienart
befallen worden war, gab es auch keine spezifischen Antikörper.
Doch nun wurden sie entwickelt. T-förmige Lymphkörperchen sam-
melten sich und machten chemische Veränderungen durch. Dies
führte zu einem vermehrten Ansturm von Makrophagen, der in einer
spiralförmig anwachsenden Zellentätigkeit für eine ständig größer
werdende Zahl von T-förmigen Zellen sorgte.
Nach 24 Stunden verließ die Bakterien das Schlachtenglück. Die
röhrenförmigen Zellen behielten die Oberhand. Doch das war ein
Pyrrhussieg. Durch die Immunreaktion waren große Teile der zarten
Schleimhäute in den Eileitern zerstört worden. Das führte unweiger-
lich zu ausgedehnter Narbenbildung. Das Aufeinandertreffen mit
dem Blutstrom vergrößerte den Schaden. Darüber hinaus lösten die
überlebenden Bakterien und ihre Ausscheidungen neue Reaktionen
im Immunsystem aus. Ohne zu ahnen, daß die Schlacht bereits ge-
wonnen war, stellte der Körper weitere Zellentruppen zusammen.
Neu hinzukommende Makrophagen verursachten neue Zerstörungen.
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Im Übereifer kam es in zahlreichen Zellen zu Kernteilungen ohne
folgende Zellteilung. So entstanden Riesenzellen mit mehreren Ker-
nen.
Wiederum hätten Medizinstudenten, wenn sie Gelegenheit gehabt
hätte, diese Folgen durch die Linsen eines Mikroskops zu beobach-
ten, weise gelächelt und beifällig über die verzerrte Struktur der ent-
stehenden Granulationsgeschwülste genickt.
Dieses Zellendrama setzte sich noch wochenlang im dunklen Inne-
ren der Gebärmutter fort. Die 31jährige Rebecca Ziegler selbst hatte
nicht die geringste Ahnung von den wilden chemischen Schlachten,
die in ihrem Körper tobten, und ebensowenig von der daraus sich
ergebenden Zellenzerstörung. Allerdings gab es einige Hinweise:
feine Änderungen der Lebenszeichen in Form eines leichten Fiebers
und eines schwach erhöhten Pulses. Rebecca hatte auch manchmal
Krämpfe, einen empfindlichen Unterbauch und leichten Vagina-
lausfluß. Doch keins dieser Anzeichen und Symptome schien Grund
zur Besorgnis zu geben. Nur ein leicht anormaler Abstrich hatte sie
zunächst ein wenig geängstigt, bis sich herausstellte, daß er eigent-
lich doch völlig normal war.
Rebecca achtete nicht auf ihre kleinen Unpäßlichkeiten. Vor allem
deshalb nicht, weil ihr Leben im übrigen gerade wundervoll verlief.
Zur Erleichterung ihrer Mutter hatte sie vor sechs Monaten geheira-
tet und damit ihrem Leben einen neuen Sinn gegeben. Außerdem hat-
te sie gerade eine neue Stellung angetreten. Sie war jetzt eine der
jüngsten Partnerinnen in einer angesehenen Bostoner Anwaltsfirma.
Alles war in schönster Ordnung, und deshalb wollte sie sich durch
einige unbedeutende körperliche Beschwerden nicht die Stimmung
verderben lassen.
Doch die Episode hatte eine größere Bedeutung, als Rebecca ahnen
konnte. Die Bakterien hatten eine Entwicklung in Gang gesetzt, die
über die Immunabwehr hinausging. Die Folgen sollten sie noch lan-
ge heimsuchen, ihr Glück zerstören und sie schließlich, wenn auch
indirekt, umbringen.
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